Seit 2024 haben neonazistische Jugendgruppen wieder starken Zulauf. Nachdem es einige Jahre so wirkte, als würden neurechte Gruppen wie AfD-Jugend oder Identitäre Bewegung (IB) dem klassischen Neonazismus den Rang ablaufen, gibt es nun wieder eine Vielzahl stramm rechter Jugendlicher, die sich in verschiedenen Gruppen organisieren. Wir geben einen Überblick über die verschiedenen Organisationen und ihre Besonderheiten.
Junge Nationalisten (JN)
Die Jungen Nationalisten (JN) sind eine seit 1969 existierende neonazistische Jugendorganisation. Sie sind sind offiziell die Parteijugend der ehem. NPD, die heute Die Heimat heißt. Deutschlandweit haben sie eine Reihe von Ortsgruppen, die seit einigen Jahren voneinander unabhängige Namen wie „Elblandrevolte“ (Dresden) oder „Pforzheim Revolte“ haben. Seit dem Hype um die Elblandrevolte in 2024 haben sie starken Zulauf.
Die JN fungiert als Organisation für Einsteiger:innen, die bereits Jugendliche ab 14 Jahren aufnimmt. Als Parteijugend hat sie den Anspruch, ihre Mitglieder ideologisch und aktivistisch zu schulen. Ihr Erfolg stützt sich auf durch Social Media bekannte Akteure wie Finley Pügner oder Anio, die junge Zielgruppen ansprechen, ohne Gewalt zu fokussieren. De CSD-Gegendemos waren ihr Höhepunkt, aktuell erleben viele Ortsgruppen Austritte und Bedeutungsverlust.
National-Revolutionäre Jugend (NRJ)
Die National-Revolutionäre Jugend (NRJ) ist die Jugendorganisation der Partei Dritter Weg, die 2013 gegründet wurde. Die NRJ verfolgt genau wie ihre Mutterpartei eine elitäre Kaderpolitik, d.h. sie nimmt nur wenige Mitglieder auf, die dann langfristig ideologisch gschult werden. Die NRJ verfolgt inhaltlich eine revolutionär-faschistische Linie, indem sie sich für einen Wandel hin zu einem Staat in Anlehnung an den Nationalsozialismus einsetzt.
Die NRJ ist eine kleinere, aber gefährliche neonazistische Jugendstruktur. Sie ist zwar nur in wenigen Bundesländern aktiv (Bayern, Brandenburg, Berlin, Sachsen, MV), trimmt ihre überwiegend männlichen Mitglieder jedoch radikal auf neonazistische Ideologien und Gewalt. Öffentlich tritt sie nur auf den wenigen Demos des Dritten Wegs auf, dafür ist sie durch gezielte Übergriffe auf politische Gegner:innen aufgefallen.
Deutsche Jugend Voran (DJV)
Die Deutsche Jugend Voran (DJV) ist eine parteiunabhängige Jugendgruppe Berliner Neonazis, die seit 2024 öffentlich in Erscheinung tritt. Die Gruppe ist als lose Kameradschaft um ihre Führungsfigur Julian Milz organisiert, der aktuell eine Haftstrafe absitzt. Die Gruppe war besonders bei den rechten Demos gegen CSDs aktiv und reiste dafür auch in andere Städte, etwa 2025 nach Dresden. Aktuell nähert sich die DJV der Partei Die Heimat an.
Die DJV ist vor allem ein regionales Phänomen, entfaltet aber durch ihre starke Social Media Präsenz auch bundesweit Wirkung. Nicht nur gelingt es ihnen, Jugendliche zu akquirieren, die DJV fällt auch durch brutale Übergriffe auf politische Gegner:innen in Berlin auf. Der DJV ist es ohne Unterstützung einer Partei gelungen, eine eigene Neonazi-Struktur aufzubauen, die jedoch durch die Inhaftierung ihres Anführers Milz geschwächt ist.
Urbs Turrium
Urbs Turrium ist ähnlich wie die DJV eine neonazistische Jugendgruppe, die keiner Partei angehört. Sie ist eine Gruppe junger Neonazis aus Bautzen, die seit Anfang 2024 öffentlich auftritt. Sie entwickelte sich aus dem sog. Jugendblock der rechten Corona-Proteste Bautzens, in welchem junge vermummte Neonazis liefen. Angeführt wurd Urbs Turrium (= „Stadt der Türme“, Marketingname Bautzens) von Dan Odin Wölfer.
Bekannt wurde die Gruppe durch die Großproteste gegen den Bautzner CSD, seitdem organisierte sie auch kleinere Demos z. B. gegen angebliche Gewalt von Migrant:innen. Urbs Turrium lebt vor allem von dem Engagement ihres Anführers, der aus einer lokalen Neonazi-Familie stammt. Die Gruppe versucht durch Aktionen wie Nachtwanderungen stärker als klassische Neonazi-Kameradschaft aufzutreten und hat gewaltbereite Akteure in ihren Reihen.
Jägertruppe
Die Jägertruppe tritt seit 2025 öffentlich in Erscheinung und ist eine neue parteiungebundene Jugendgruppe für Neonazis. Sie ist in Berlin, Brandenburg und Sachsen aktiv und war 2025 mit eigenen Bannern und Merchandise bei rechten Demos in Berlin und Brandenburg, z. B. beim Anti-CSD-Protest in Cottbus, zu sehen. Sie verfügt über wenige Mitglieder, hat es aber geschafft, über mehrere Bundesländer hinweg Strukturen aufzubauen.
Die Jägertruppe ist noch eine verhältnismäßig neue Gruppierung, über die wenig bekannt ist. Im Logo hat sie Jagdwaffen, ihre Mitglieder sind jedoch bisher nicht durch übermäßige Gewaltbereitschaft oder Gefährlichkeit in Erscheinung getreten. Stattdessen scheint es sich um eher unerfahrene Akteure zu handeln, die sich in Berlin/Brandenburg von der DJV abgewandt haben. Ob die Gruppe länger besteht, muss die Zeit zeigen.
Und sonst?
Neben den gezeigten Gruppen tauchen immer wieder neue auf, die meist schnell wieder verschwinden. So gab es mit der Gruppierung „Jung und Stark“ (JS) in 2024 den Versuch, eine bundesweite Kameradschaftsstruktur aufzubauen, was jedoch scheiterte. Gerade taucht in Sachsen mit den „Stadttruppen Oberlausitz“ eine neue Gruppe auf. Die meister dieser parteiungebundenen Strukturen scheitern aber daran, nachhaltig Gruppierungen aufzubauen.
Zusammenfassung
Neonazi-Jugendgruppen sind mehrfach gefährlich: Sie erreichen über Social Media junge Menschen und dienen so als Einstieg in die Szene. Sie bieten Identität und das Gefühl, zu einer starken Gruppe zu gehören, die einfache Lösungen für eine komplexe Welt anbietet. Sie sind gewaltorientiert und bilden ihre Mitglieder oft in Kampfsport aus, um ihre Feinde anzugreifen. Besonders gefährlich sind die Parteijugenden JN und NRJ, da sie gefestigte Strukturen, finanzielle Mittel und altgediente Kander haben, die ihren Nachwuchs gezielt schulen.